„Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will?
Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?

Inhalt: Edward Cohen ist ein erfolgreicher Designer und kann bereits auf ein turbulentes Leben zurückblicken. Da findet er im Haus seiner Großeltern einen Stapel Papier von Adam, seinem Großonkel, dem er so sehr ähnelt.
Dieser Stapel Papier ist an Anna gerichtet, Adams große Liebe, die in der Reichspogromnacht 1938 spurlos verschwindet. Adam macht sich auf die Suche nach ihr, immer kurz davor, als Jude entlarvt und deportiert zu werden.

Meine Meinung: Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich die Geschichte hauptsächlich um Adam dreht. Stattdessen ist das Buch in drei Teile gegliedert. Anfangs geht es um Edward Cohen, der mit seiner Mutter bei seinen Großeltern lebt, seinen Vater kennt er nicht. Sein Großvater Moses schließt sich immer auf dem Dachboden ein, seine Großmutter Lara ist eine strenge Frau. Er selbst sieht aus wie Adam, Moses Bruder, der eines Tages einfach verschwand mit den Diamanten, die der jüdischen Familie die Emigration aus Deutschland ermöglichen sollten.
Edwards Leben ist turbulent. Er liebt den neuen Mann seiner Mutter, auch wenn er die beiden manchmal schlägt. Mit ihm ziehen sie mal hierhin, mal dorthin. Der Junge erlebt Aufregendes, Neues, aber auch Schattenseiten des Lebens. Schließlich wird er zu einem erfolgreichen Designer und lernt die Schauspielerin Amy kennen. Er verliebt sich, sie wird seine große Liebe und, obwohl sie ihn verlässt, widmet er ihr die Geschichte über sein Leben, genauso, wie Adam es getan hat.
Diese erste Erzählung hatte ich nicht erwartet und sie konnte mich auch nicht begeistern. Sie hat einige Längen, besonders am Anfang. Vor allem einige Nebencharaktere waren mit suspekt. Ich habe auch den Sinn dahinter nicht ganz verstanden. Sie ist zwar an Amy gerichtet und so auch geschrieben, allerdings ist die Beziehung zwischen Amy und Edward in meinen Augen nur eine Nebenhandlung, sehr kurz gehalten, geht nicht besonders tief.

Etwas mehr als die Hälfte des Buches nimmt der zweite Teil ein, die von Adam verfasste Geschichte, die Edward Jahre später findet. Adam lebt als jüdischer Junge in den dreißiger Jahren. Seinen Vater bekommt er nie zu Gesicht, er sperrt sich selbst in ein Zimmer ein, das keiner betreten darf. Adam steht immer hinter seinem Bruder, nur seine Großmutter, Edda Klingmann, sieht in ihm etwas Großes. Sie lehrt ihn alles, er leistet ihr den ganzen Tag Gesellschaft. Und sie hilft ihm, sich als arischer Deutscher auszugeben, damit er Anna suchen kann, seine große Liebe.
Diese Geschichte ist der Hauptteil des Buches. Wie bereits im ersten Teil zieht sich der Anfang durch Erläuterungen zum Beispiel der Lebensverhältnisse und Beziehungen. Besonders Edda Klingmann sticht hier hervor mitsamt ihren Eigenarten und Ansichten. Sie erschien mir manchmal etwas verrückt, aber auch gleichzeitig intelligent, und ein großes Vorbild, zumindest sieht Adam das in seiner Großmutter. Sie hält aber auch große Stücke auf ihren Enkel, diskutiert mit ihm, welche Persönlichkeiten der Nazionalsozialisten noch aufsteigen und welche bereits auf dem absteigenden Ast sind; sucht sein verborgenes Talent und bringt ihn schließlich aus Deutschland heraus nach Polen.
Zwar ist die Geschichte zu diesem Zeitpunkt bereits im Zweiten Weltkrieg angelangt, der wird in diesem Buch allerdings kaum thematisiert. Stattdessen erlebt der Leser mit Adam Judenhass, Verfolgung, das Warschauer Ghetto, Trauer und Hoffnung.

Der dritte Teil ist dagegen nur ein kurzer Abschnitt, eher ein Epilog. Um nichts vorweg zu nehmen, möchte ich den nicht weiter thematisieren und nur sagen, dass sich beiden Geschichten hier vermischen. Dieser Teil, auch wenn es der kürzeste ist, hat mir am meisten gefallen, weil er alle Emotionen des Buches noch einmal zusammengeführt hat.

Fazit: Insgesamt bin ich etwas unschlüssig über mein Urteil. Der erste Teil hat mir nicht gefallen, bis zum Buchende hat sich die Geschichte aber deutlich gesteigert und besonders den Schluss finde ich lesenswert. Wer über den Anfang hinwegsehen kann, dem würde ich das Buch auf jeden Fall empfehlen.

Bonus: Eine Leseprobe und weiteres zur Autorin gibt es bei diogenes. Das Buch steht auf der Longlist für den Bücherpreis 2011.

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