Originaltitel: Vidunderban
Autor: Roy Jacobsen
Verlag: Osburg Verlag
ISBN: 978-3940731586
Seiten: 269
Datum: Februar 2011

Inhalt: Der junge Finn lebt in einer kleinen Wohnung bei Oslo. Der Vater ist gestorben, die Mutter verdient als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft gerade genug für sich und ihren Sohn. Doch für die neuen Tapeten bleibt nichts übrig, also müssen die beiden ihre Prinzipien über Bord werfen und einen Untermieter aufnehmen. Kristian heißt der junge Mann und hat sogar einen Fernseher. Und dann zieht noch eine vierte Person ein: Finns Halbschwester Linda, ein kleines schüchternes Mädchen, dass einige Zeit braucht, sich ihrer neuen Familie zu öffnen, um das Leben der beiden gründloich auf den Kopf zu stellen.

Meine Meinung: Mit 30 Kapiteln und circa 270 Seiten, sowie die Beziehung zweier Kinder zueinander als Hauptaspekt, scheint das Buch anfangs leichter und weniger anspruchsvoll zu sein, als es tatsächlich ist.
Protagonist und Ich-Erzähler Finn ist gerade einmal 10 Jahre alt, schwankt in seiner Verhaltensweise allerdings zwischen einem kleinen Kind und einem Erwachsenen. Nicht nur seine rationale Denkweise, sondern auch seine Art zu sprechen und zu handeln sind um einiges vernünftiger, als es für sein Altern angebracht wäre. Allerdings kommt es dann auch zu Situationen, in denen er seiner Mutter in den Arm beißt, weil er wütend auf sie ist. Von ihr wird er ansonsten meistens so behandelt, als wären sie gleichgestellt.
Linda ist zu Beginn ein schüchternes Kind, sechs Jahre alt, etwas dick. Ihre Mutter ist drogenabhängig und das Mädchen hat bereits einiges erlebt, als sie bei Finn und seiner Mutter im Herbst einzieht. Ihr Halbbruder ist anfangs etwas skeptisch; findet manchmal, dass seine Mutter Linda mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihm. Doch mit der Zeit lebt sich Finn in der Rolle als großer Bruder ein, verteidigt sie, hilft ihr. Denn schließlich ist er immer noch ein Kind und merkt manchmal Dinge, die seiner Mutter verborgen bleiben.
Die Entwicklung zwischen den beiden Kindern ist ein langwieriger Prozess, der sich durch das ganze Buch zieht und von kleinen Momenten lebt, in denen deutlich wird, was Finn seine neue Schwester eigentlich bedeutet und wie er sich für sie einsetzt.

Besonders gefallen haben mir auch die kleinen Nebenhandlungen, wie zum Beispiel Weihnachten mit der Familie der Mutter, die sich in die Haare kriegt, und schließlich zu einem unfreiwillig komischen Desaster wird. Schließlich ist da noch der Sommer, in dem Finn, Linda und die Mutter auf eine kleine Insel fahren und das Mädchen überraschenderweise schwimmen lernt.

Probleme hatte ich mit dem Stil des Autors. Aufgrund des Klappentextes hätte ich das Buch jüngeren Lesern empfohlen. Allerdings hielt ich schließlich doch eine sehr anspruchsvolle Lektüre in meinen Händen. Die Sätze in diesem Buch sind sehr lang, gehen über ganze Absätze, sind verschachtelt mit vielen Nebensätzen, dass es manchmal schwer war, die Kernaussage zu begreifen.
Desweiteren sind auch die Charaktere nicht erwartungsgemäß. Zwar erfüllt die Mutter ihre Rolle meistens, wie es sich für eine Mutter gehört; Finn, Linda und der Untermieter haben im Gegensatz zu vergleichbaren Figuren ihre Eigenarten, was durchaus zu positiven Überraschungen und Wendungen führt, manchmal aber auch zu Verwirrung. Besonders Kristian und seine Rolle habe ich bis zum Ende hin nicht ganz verstanden.
Dafür ist allerdins die Darstellung vieler Nebencharaktere gelungen. Oft beschreibt die erwachsene Seite von Finn ihre markanten Eigenschaften und Verhaltensweisen mit ihren kleineren und größeren Fehlern, die die Personen sehr real werden lassen, nur nicht unbedingt sympatisch.

Fazit: Insgesamt ein Buch, dass mir ganz gut gefallen hat, auch wenn ich bis zum Ende mich mit dem Stil nicht anfreunden konnte. Es lebt eben von kurzen Momenten und Situationen, die manchmal dadurch sogar kaputt gemacht werden. Ansonsten empfehle ich das Buch eher für anspruchsvollere Leser und nicht als „zwischendurch“-Lektüre.

Empfehlenswert:

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