Originaltitel: Between shades of gray
Autorin: Ruta Sepetys
Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58254-6
Seiten: 304
Datum: September 2011
Extra: Leseprobe

Inhalt: Die fünfzehnjährige Lina wird eines Abends mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Jonas vom sojetischen Geheimdienst NKWD von zu Hause abgeholt und wie zahlreiche Landsleute deportiert. Ihr Vater ist verschwunden. Und vor ihr liegt eine ungewisse Zukunft, eine lange Reise in den Osten, begleitet von harten Wintern, tiefem Misstrauen und alllgegenwärtigem Hunger. Doch das Malen gibt ihr Hoffnung und der junge Andrius.

Meine Meinung: Am Anfang des Buches erwarten den Leser zwei Karten, die den Weg Linas verdeutlichen. Dabei sind beide weniger präzise Langkarten, eher gemalte Karten, wie auch die, die die Protagonistin einmal in der Geschichte zeichnen muss. Letztere der beiden besitzt desweiteren noch eine Auflistung aller wichtigen Stationen, sowie den ungefähren Zeitrahmen.
Das Buch besitzt neben 85 kurzen Kapiteln und dem Epilog noch drei Unterteilungen in „Diebe und Huren“, „Landkarten und Schlangen“, sowie „Asche und Eis“. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin und Ich-Erzählerin Lina. Zwischendurch erinnert sie sich an alte, unbeschwerte Zeiten, die kursiv gedruckt gekennzeichnet sind.

Inhaltlich beginnt das Buch ohne Vorgeschichte. Der NKWD bricht in das Haus ein, innerhalb weniger Minuten muss die Mutter mit ihren Kindern Koffer packen, dann werden sie deportiert. Bereits auf dem Laster, der die drei zu einem verlassenen Bahnhof bringen soll, begegnen Lina viele der Personen, die sie auf ihrer Reise begleiten und für den Leser wie eine eigene kleine Gruppe erscheinen, die zusammenhält, wenn auch eher versteckt und in den kleinen gesten erkennbar. Da ist zum Beispiel der „Glatzkopf“, der bei einem Fluchtversuch scheitert, und der der Protagonistin ziemlich lange suspekt ist.
Auf dem besagten Bahnhof angekommen, wird sie mit vielen hunderten oder tausenden Landsleuten in Viehwagons getrieben, wo sie tagelang während der Fahrt in den Osten aushalten müssen. Nur abends darf einer Wasser und einen Brei für die Insassen holen, währenddessen werden die Leichen aus den Wagons geschmissen. Dort lernt Lina schließlich auch Andrius kennen.

Lina ist eine sympatische, wenn auch typische Protagonistin: aufbrausend und stur, trotzdem liebenswert und mitfühlend; manchmal auf sich allein gestellt, nach außen viel stärker scheinent, als sie eigentlich ist. Einer der Hauptaspekte ist ihre Sorge um ihren Vater, den sie im gesamten Buch nur einmal trifft. Man hat die Männer von ihren Familien getrennt, so ist auch Andrius vaterlos. Das Mädchen zeigt dabei ihre wahre Natur. Sie muss erwachsen werden in ihrer Situation, sehnt sich im Grunde allerdings nur als Kind von ihrem Vater gerettet zu werden, um normal in seiner Geborgenheit leben zu können.
Seit ihrer Kindheit ist Lina eine ausgezeichnete Malerin. So versucht sie, alles zu malen, was sie sieht und benutzt dazu alles was sie finden kann. Dadurch will sie auch ihrem Vater Nachrichten zukommen lassen, obwohl sie nicht wieß ob er noch lebt und wo er gefangen gehalten wird.
Ihre malerische Begabung ist ein wunderschöner Teil des Buches, denn das Mädchen möchte alle Situationen festhalten, die besonders wichtig oder emotional sind. Deshalb zeichnet sie oft die Gesichter der Menschen um sie herum. Ihre Hoffnungen, ihre Sorgen, ihre Traurigkeit. Aber auch in ihre Erzählung lässt sie malerische Momente einfließen, um ihre eigenen Gefühle und Emotionen darzustellen:

Laut Papas Worten glaubten die Wissenschaftler, dass die Erde vom Mond aus gesehen blau war. In dieser Nacht glaubte ich das auch. Ich würde die Erde blau malen, mit vielen Tränen drumherum.“ (S.43)

Auch die anderen Personen sind durchaus sympatisch. Linas Mutter ist eine Frau, die immer versucht, anderen zu helfen. Sie kann anfangs als einzige Russisch und wird somit oft zu einer Art Sprecherin für die Gruppe, was durch ihr Wissen manchmal einer Anführerin gleichkommt.
Ihr Sohn Jonas ist zu Beginn gerade einmal zehn Jahre alt und macht die größte Veränderung in der Geschichte durch. So schlüpft er bei der Deportation in seine Uniform und schnappt sich seine Schultasche, weil er sich „fertig machen“ soll. Diese kindliche Naivität legt er aber schon schnell ab. Kurz darauf raucht er bereits mit dem älteren Andrius Buchseiten und versucht, für die Familie zu kämpfen. Diebstahl und harte Arbeit gehören dazu.

Andrius dagegen ist oft eine Randfigur, die eher selten mit der Protagonistin zusammen ist. Dennoch entwickelt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, die treffend mit dem Wort „zart“ beschrieben werden kann. Liebe steht in ihrer Situation hinter der Familie zurück. Trotzdem ist es ein kleiner Hoffnungsschimmer, an den man sich klammern kann, obwohl der Tod allgegenwärtig ist.
Ich persönlich habe auch in Andrius Mutter ein Symbol der Hoffnung gesehen. Ihre Person zeigt deutlich die Schamlosigkeit des sowjetischen Geheimdienstes, ihre Brutalität und wie sie das Leid eines Anderen ausnutzen. Trotzdem schenkt diese Frau ihrem Sohn immer noch die Kraft, Lina und den anderen zu helfen.

Das Buch liest sich sehr leicht, vom Stil her ist es eher an Jugendliche gerichtet, auch wenn die Thematik auch für Erwachsene geeignet ist. Aber auch der Titel hat es mir angetan. Der „unbesiegbare Sommer“ steht für die Hoffnung, die in den harten Winter, die Lina erlebt, schwer zu halten ist.
Einzig das Ende hat mir nicht ganz gefallen. Das Buch hätte gerne doppelt so lang sein können.

Vom den Geschehnissen zur damaligen Zeit, zum Beispiel dem Vordringen der Deutschen und Pearl Harbor, erfährt der Leser nur so viel, wie es auch für eine Deportierte wie Lina möglich war. Auf derartige Neuigkeiten folgen dann allerdings Diskussion, wie über die Frage, ob Hitler ein Retter für Litauen ist, oder nur ein weiteres Monster neben Stalin. Solche Szenen zeigen deutlich, in was für einem Leid die Deportierten sich befinden. Ihr Schicksal wurde und wird jahrzehntelang totgeschwiegen, wie die Autorin in ihrem Nachwort berichtet. Das Buch zeigt, obwohl frei erfunden, die glaubwürdige Geschichte eines ganzen Volkes.

Fazit: Und in mir der unbesiegbare Sommer ist ein Buch, das zeigt, wie Hoffnung trotz Hass und Trauer überleben kann. Nicht nur Jugendlichen zu empfehlen, sondern auch für Erwachsene lesenswert.

Empfehlenswert:

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