Originaltitel: The Spare Room
Autorin: Helen Garner
Verlag: Berlinverlage
ISBN: 978-3827008336
Seiten: 174
Datum: Januar 2009

Inhalt: Für Helen ist es eine Selbstverständlichkeit: sie nimmt Nicola während einer alternativen Krebsbehandlung zu sich. Wie schlecht es um ihre Freundin steht, ahnt sie noch nicht. Sie weiß noch nichts von den Nebenwirkungen, die sie die ganze Nacht auf den Beinen halten werden. Sie hat keine Ahnung, zu welcher Qual drei Wochen werden können.

Meine Meinung: Protagonistin und Ich-Erzählerin Helen lebt in Melbourne, direkt nebenan wohnt ihre Tochter mit ihrer kleinen Enkelin. Das Buch beginnt, als sie sich auf den Besuch ihrer Freundin Nicola vorbereitet, die sie seit einiger Zeit nicht mehr getroffen hat. Liebevoll richtet Helen ihr ein Zimmer ein, jedes Detail soll stimmen. Sie muss allerdings schnell feststellen, dass von ihrer heiteren Freundin nicht mehr viel geblieben ist.
Nicola hat Krebs im Endstadium. Sie hofft bei einem Institut auf Rettung. Dass deren alternative Behandlungsmethoden nicht immer gerade wirkungsvoll erscheinen, stört sie kaum. Nach der Behandlung mit Vitamin C kann sie sich einen Tag kaum auf den Beinen halten. Trotzdem glaubt sie an Heilung.

‚Ich erwarte jeden Moment, dass aus diesen Wolken ein Engel herabsteigt‘ (S. 45)

Doch auch Helen leidet unter den fragwürdigen Methoden. Nachts muss sie ständig das vollgeschwitzte Bett ihrer Freundin wechseln, auf ihre Medikamente und ihr Essen achten. Schon nach wenigen Tagen fragt sie sich, wie sie die gesamten drei Wochen durchhalten soll. Dabei geht es nicht allein um die körperliche Belastung, denn sie muss auch mit sich selbst kämpfe. Nicola legt einen Optimismus an den Tag, der für die Protagonistin kaum nachvollziehbar ist. Sie scheint den Krebs gar nicht als wirkliche Bedrohung anzusehen. Helen dagegen merkt schnell, dass ihre Freundin bereits kurz vor dem Tod angekommen ist. Trotzdem muss sie ihre Freundin unterstützen, was ihr sehr schwer fällt.

Jetzt atmete ich sie zum ersten Mal richtig ein, die dicke Luft der Verlogenheit. (S. 56)

Dass Helen sogar richtig wütend wird, scheint dem Leser verständlich. Man hat manchmal den Eindruck, Nicolas Verhalten würde ihrer Freundin alles noch schwieriger machen. Die Protagonistin versucht alles, um ihr zu helfen, ihr das Leben angenehm zu machen, doch sie weigert sich, stärkere Schmerztabletten zu nehmen.
Dennoch lässt sich auch mit Nicola mitfühlen, obwohl sie, trotz eines Optimismus, ihre Situation nicht akzeptieren will. Es ist zwischendurch sehr schwierig, ihr Verdrängen mit ihrer sonstigen Haltung zusammenzubringen. Und doch berührt sie den Leser.

Das Buch lässt sich trotz einfacher Sprache und geringer Seitenanzahl nicht so leicht lesen. Als Leser nimmt man leicht die Position der Protagonistin ein. Wird sie nostalgisch, denkt an frühere Zeiten mit Nicola, so trifft es einen auch, wenn man von der veränderten und krebskranken Nicola liest. Gleichzeitig ist aber auch zum Beispiel immer eine Empörung da, wenn es um die zweifelhaften Methoden des Institutes geht.
Man merkt auch die Entwicklung Helens ganz gut. Hat sie zu Beginn sich noch detailreich um die Einrichtugn von Nicolas Zimmer gekümmert, so geht die Geschichte später mehr auf die Gefühlslage der Protagonistin ein. Für alles drumherum hat sie kaum noch Zeit und Lust.

Fazit: Alles in allem ist es ein gelungenes und berührendes Buch. Mit den Charakteren lässt sich die Geschichte gut durchleben, besonders wegen ihrer Fehler, wegen denen man sie manchmal liebt, manchmal aber auch verfluchen möchte.

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