Originaltitel: Ensel und Krete – Ein Märchen aus Zamonien
Reihe: Zamonien
Autor: Walter Moers
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442450176
Extra: Die Nachtschule

Inhalt: Zwei kleine Fernhachenkinder verlaufen sich im großen dunklen Wald, in dem seltsame Kreaturen ihr Unwesen treiben. Sprechende Pflanzen, gemeinsame Halluzinationen und eine bedrohliche Hexe sind nur einiges von dem, was Ensel und Kretel bei ihrem Ausflug begegnen.

Meine Meinung: Wer kennt das grimmsche Märchen Hänsel und Gretel nicht? Wohl kaum jemand. Deshalb hat Herr Moers in die Märchenkiste gegriffen und es ganz einfach nach Zamonien verlagert, bzw. ein ähnliches Märchen von Hildegunst von Mythenmetz verfasst in unsere Sprache übersetzt. Zugegebenermaßen erinnert vieles nur ansatzweise an das uns Bekannte, denn angefangen bei den veränderten Namen der beiden Protagonisten, weicht die Geschichte mal mehr mal weniger von der allseits bekannten Geschichte ab. Statt Brotkrümeln wird eine Spur aus Himbeeren gelegt; statt einem Plan der bösen Stiefmutter ist es die Suche nach einer alten Eiche, die die Kinder in den Wald lockt. Das sind vielleicht nur winzige Abweichungen, aber spätestens bei Laubwölfen und Spinnensekret, das Halluzinationen hervorruft, findet man sich in einer völlig anderen Geschichte wieder.

Nun, fangen wir vorne an: Ganz nach Mythenmetzschem Stil beginnt das Buch mit einer ausführlichen Beschreibung der Großen Waldes oder zumindest des zivilisierten Teils. Wie immer ist es versehen mit einer Karte Zamonies und Baumings, dem Ferienresort, in dem Ensel und Krete mit ihren Eltern Urlaub machen. Man kann sich bereits hier streiten, ob Mythenmetz nicht zu viel Aufwand in Beschreibungen von Bewohnern, Orten und Natur steckt, denn bereits nach wenigen Seiten führt die Reise in den verbotenen Teil des Waldes. Für mich gehören diese ausführlichen Abschweifungen allerdings zur zamonischen Literatur dazu.

Schnitt. Was folgt sind mehrere mehrseitige Kommentare Mythenmetz‘, in dem er über sein Leben als Schriftsteller plaudert, seinen Arbeitsplatz beschreibt und kleine Seitenhiebe auf Kritiker gibt.

„Worum geht es dann? Es geht um Großes, natürlich: Sie, der Leser, dürfen Augenzeuge einer Sternenstunde der zamonischen Literatur sein. Sie haben es vielleiucht noch nicht bemerkt, aber Sie sind schon mittendrin in einer von mir entwickelten und vollkommen neuartigen schriftstellerischen Technik, die ich die Mythenmetzsche Abschweifung nennen möchte.“ (S. 40)

Ein weiterer Streitpunkt, aber mir erscheint durch diese „schriftstellerische Technik“ auch Mythenmetz an Charakter zu gewinnen, zumindest in Maßen. Hier muss man bedenken, dass Ensel und Krete vor Die Stadt der träumenden Bücher entstand und über ihn bis dato noch nichts bekannt war. Hilfreich ist hier auch die halbe Biographie zum Autor am Ende des Buches, die informativ ist, aber nicht länger in Erinnerung bleibt.

Zurück zur Geschichte, die immer wieder durch die Kommentare gestört wird, was einerseits die Spannung erhält, andererseits auf die Dauer nervlich belastend ist, denn die Brüche sind manchmal an unmöglichen Stellen gesetzt. Inhaltlich knüpft das Buch in Sachen Fantasie an andere Zamonienbücher an, schließlich kann nur hier eine nahezu unmöglich erscheinende Flucht aus einem halb lebendigen Wald mit einer Reise durch das Universum verknüpft werden. Und wenn man bereits Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär kennt, dann wird man auch darauf viele Seitenhiebe darauf finden, denn der Stollentroll sollte einigen noch ein Begriff sein.

Fazit: Gott sei Dank beschränkten sich die Abschweifungen bisher auf dieses Buch, denn trotz vieler Informationen und interessanter Einblicke in das Leben eines zamonischen Schriftstellers, möchte sich der Leser doch irgendwann auf die eigentliche Geschichte konzentrieren. Diese kann, trotz fantastischer Ideen und unbegreiflichen Wendungen, anderen Zamonienbänden nicht das Wasser reichen.

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