Originaltitel: Steinernes Fleisch
Reihe: Reckless
Autor: Cornelia Funke
Verlag: Dressler
ISBN: 978-3791504858
Seiten: 246
Datum: 2010
Extra: Trailer, Leseprobe

Inhalt: Mit 12 Jahren findet Jacob die Welt hinter dem Spiegel, wo er sein Leben, seinen verschwundenen Vater und seine kranke Mutter hinter sich lassen kann. Doch eines Tages betritt auch sein Bruder Will die geheimnisvolle Welt und wird kurz darauf von einem Fluch getroffen. Jacob muss sich beeilen, denn nicht nur seine Haut wird nach und nach zu Stein. Bald ist Will nicht mehr der Junge, der er einmal war…

Meine Meinung: Nach der Tintentrilogie stellt Cornelia Funke in Reckless wieder eine parallele Welt in den Vordergrund, die sich allerdings seit Jacobs erstem Besuch weiterentwickelt hat und in den Städten an das Europa de 19. Jahrhunderts erinnert. Gleichzeitig ist das Land hinter dem Spiegel auch eine magische Welt vor allem durch seltsame Wesen, die sich dort tummeln. Die gefürchtetsten sind wohl die Goyl, Wesen mit einer Haut aus Stein, die gegen eine Kaiserin Krieg führen und die durch einen Fluch alle Verletzten zu den ihren machen.

Aber ihr schlimmstes Verbrechen war schon immer gewesen, dass sie allzu menschlisch aussahen. Sie waren die verabscheuten Zwillinge. Die steinernen Vetter, die im Dunkeln hausten. (S. 188)

Wie in der Tintenwelt blicken auch hier gleich mehrere Personen auf das Geschehen oder werden zu bedeutenden Figuren und sollen die Geschichte komplexer werden lassen. Da ist der Realitätsflüchtling und in der Spiegelwelt bekannte Schatzjäger Jacob, der durch seine Eitelkeit nicht besonders sympatisch wirkt. Clara, die ebenfalls durch den Spiegel kam, sich in Will verliebt und anfangs ein Anhängsel bleibt. Fuchs, eine wichtige Gefährtin Jacob und skeptische Betrachterin seiner Pläne. Will, das Abbild eines typischen jüngeren Bruders, dessen Verwandlung seinen Bruder zu halsbrecherischen Unternehmungen treibt und für einige eine wichtige Rolle spielt. Die dunkle Fee, die den Part einer bösen Frau übernimmt, die in keinem Märchen fehlen darf. Hentzau, ein Goyle-Anführer, der mal kriegmüde und dann wieder grausam und blutdurstig erscheint.  Also viele Stereotypen und zwiespältige Charaktere.

Man findet sich schnell in die Geschichte hinein, Motivation und Ziele der Personen sind leicht zu durchschauen, mit der Zeit sucht man plötzliche Wendungen vergeblich und so bleibt nur noch eine durchaus spannende Odyssee durch die Spiegelwelt von Jacob und seinen Begleitern zu seltsamen Orten mit noch seltsameren Wesen, die ich manchmal allerdings nicht ganz ernst betrachten kann. Immer dabei sind auch die Anspielungen auf grimmsche Märchen, die sich allerdings in Grenzen halten und mir eher unnötig erschienen.

Ein Augenschmaus sind die gezeichneten Bilder zu Beginn eines jeden Kapitels, die den jeweiligen Inhalt unterstreichen und die Atmosphäre widerspiegeln: Mal düster und gefährlich, mal prachtvoll und märchenhaft. Die Bilder passen sich also der Sprache an, die die Stimmung wunderbar einfängt, denn Funke schreibt fantasievoll, poetisch, bildgewaltig und wenn die ersten Sätze wie folgt lauten, dann kann man auch das gesamte Buch in einem Zug beenden:

Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier. Das Ticken einer Uhr. Das Knarren der Holzdielen, als er sich aus dem Zimmer schob – alles ertrank in ihrer Stille. Aber Jacob liebte die Nacht. Er spürte ihre Dunkelheit wie ein Versprechen auf der Haut. Wie einen Mantel, der aus Freiheit und Gefahr gewebt war. (S. 7)

Fazit: Hätte Frau Funke genauso viel Energie in den Inhalt wie in die Sprache gesteckt, wäre es wohl zu einem meiner Jahrehighlights geworden, aber besonders bei den Figuren wird das Potential nicht ausgenutzt. Wer aber bereits in der Tintenwelt versunken ist, sollte auch einen Ausflug in die Welt hinter dem Spiegel wagen.

Empfehlenswert:

 

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