Originaltitel: Lord of the Nutcracker Men
Autor: Iain Lawrence
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570304693
Seiten: 224
Extra: Leseprobe (englisch)

Inhalt: Es ist das Jahr 1914. In Europa ist der Krieg ausgebrochen. Die Menschen sind begeistert. Auch Jonnys Vater zieht es an die Front und der Junge verfolgt gespannt die väterlichen Briefe aus Frankreich. Dazu bekommt er selbstgeschnitzte Holzsoldaten geschickt, die im Garten unter Jonnys Aufsicht ihre eigenen Schlachten schlagen. Doch irgendwann wandeln sich die Worte des Vaters und auch die hölzernen Figuren werden verzweifelter.

Meine Meinung: Die Menschen brechen in Begeisterungsstürme aus, als in ganz Europa der Krieg ausbricht. Das merkt auch Jonny, ein zehn Jahre alter Junge aus London, dessen erste Monate im Schatten des ersten Weltkrieges von Lawrence beschrieben werden. Er selbst stürzt sich in diesen Strom, der viele Männer an die Front schwemmt und die Frauen in Waffenfabriken arbeiten lässt, während er den Krieg nur im Wohnzimmer oder im Garten ausfechten darf mit den Nussknackern, die sein Vater ihm schnitzt. Aus dem Spielzeugmacher ist schnell ein Soldat geworden, der nur noch sein Umfeld in Holz verewigt und seinem Sohn mit Berichten von der Front schickt. Jonnys Mutter ist derweil besorgt, sieht es aber als Pflicht, in einer Fabrik für ihr Vaterland zu arbeiten.

Der Protagonist zieht so kurz nach Kriegsbeginn in das beschauliche Cliffe, wo er sich fast ganz dem Krieggeschehen im Garten seiner Tante widmet und sich weniger mit der Welt um ihn herum beschäftigt. Man bekommt als Leser also nur die Ansicht eines kleines Jungen geboten und die Briefe des Vaters, wo man selbst den Krieg durch eine rosarote Brille sieht. Erst mit dem Verlauf der Geschichte kommt es zu einer zähen Wandlung dieser sorglosen Gedanken, denn Jonny macht Begegnungen mit dem Tod und wird innerlich unsicher. Schließlich berichtet der Vater in einem Satz von netten Abenden mit seinen Kameraden, während er eine hässliche und vom Krieg gezeichnete Holzfigur mitschickt.

Insgesamt geht mein Eindruck in die Richtung, dass Jonny verbissen an diesem positiven Denken über tödliche Schlachten und Gefechte festhalten möchte. Er ist nunmal ein naives Kind und versteht noch nichts von dem, was wirklich an der Front geschieht und trotzdem schafft er es ab und an, solche „edlen Gedanken“ zu äußern:

„Und was ist, wenn das einer der Kriege wird, die hundert Jahre dauern?“
„Das wird kaum sein, Jonny“, sagte er. „Wir werden immer besser in der Kunst der Kriegsführung. Kriege laufen heute wie Maschinen – immer schneller und reibungsloser.“
„Mir wäre es lieber, wenn wir besser würden in der Kunst, keine Kriege zu führen“, sagte ich.
„Das ist ein edler Gedanke, Jonny“, sagte Mr. Tuttle. (S. 198)

Sicherlich lässt sich das Buch schnell lesen, denn es ist spürbar auf jüngere Leser ausgerichtet und vermittelt bis auf wenige Stellen nur harmlose Eindrücke eines Weltkrieges. Das politische Geschehen und den Auslöser hat sich der Autor deshalb ebenfalls gespart, lediglich das Nachwort bietet in dieser Hinsicht etwas. Lawrence erklärt unter anderem das zunehmende Grauen neuer Techniken im Bereich der Waffen, die er bewusst nicht aufgenommen hat; schildert eigene Konfrontationen mit dem Kriegsgeschehen und hat auch einige meiner offenen Fragen geklärt.

Fazit: Wie bringt man einem Kind den Krieg näher? Wie beschreibt man die Grausamkeiten, das Elend, das Unbeschreibliche? Vielleicht auf diese Weise, die jüngeren Lesern noch nicht zu viel zumutet. Ältere sollten allerdings auf andere Lektüre über den ersten Weltkrieg zurückgreifen.

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