Anja Jonuleit – Herbstvergessene

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Diese Rezension wurde bereits am 9. September 2010 auf meinem alten Blog verfasst.

Originaltitel: Herbstvergessene
Autorin: Anja Jonuleit
Verlag: DTV
ISBN: 978-3423247887
Seiten: 432
Datum: 2010
Extra: Leseprobe,Lesung zum Buch

Inhalt: Maja Sternberg erhält unerwartet einen Anruf von ihrer Mutter, mit der sie seit dem Tod der Großmutter kein Wort gewechselt hat. Als sie eine Woche später zu ihr nach Wien reist, ist ihre Mutter tot, Selbstmord. Doch Maja glaubt nicht daran und beginnt zu recherchieren. Sie stößt auf ein altes Foto von ihrer Großmutter Charlotte mit einem Baby auf dem Arm. Doch das ist nicht Majas Mutter Lilli. Außerdem fehlt auf deren Geburturkunde der Name des Vaters und als Geburtort ist „Hohehorst“ angegeben, während der Zeit des Nazi-Regimes ein „Lebensborn“-Heim für unverheiratete Schwangere. Maja weiß nicht mehr, was sie glauben soll. Sie begegnet Erna Buchholtz, der hilfsbereiten Nachberin ihrer Mutter; Dr. Prohacek, der bei ihrer Mutter Krebs diagnostizierte und wohl auch privat Kontakt zu Lilli hatte; und Roman Sartorius, dessen Vater Arzt in Hohehorst war und der Maja irgendwie anzieht. Doch jeder scheint vor ihr etwas zu verbergen. Und schließlich gelangt Maja in den Besitz eines Manusskripts und einiger Unterlagen, die ihr Leben auf den Kopf stellen.

Meine Meinung: Herbstvergessene erzählt die Geschichte von drei Frauen unterschiedlicher Generationen in vier Teilen mit vielen kleinen Kapiteln. Im Buch wechselt sich immer ein Kapitel über die Jüngste von ihnen, Maja, mit einem Kapitel ihrer Großmutter, Charlotte, ab. Beide sind in der Ich-Perspektive verfasst. Maja erzählt von der Gegenwart, wie sie versucht die Geheimnisse von Mutter und Großmutter zu lüften, wie ihr Liebesleben immer komplizierter wird und wie sie schließlich ihr gesamtes Leben umkrempelt. Die Geschichte, die Charlotte erzählt, spielt die meiste Zeit in Hohehorst, 1944/45. Es ist ein Manusskript, eine selbstverfasste Autobiographie in denen ihre große Liebe Paul, ihre Freundin Hanna und Dr. Sartorius eine Rolle spielen.
Der Leser weiß zwar immer ein wenig mehr als Maja, was die Vergangenheit der Großmutter angeht. Doch was Lilli Sternverg herausgefunden hat und warum sie sich selbst umbrachte, dass muss man erst mit Maja ergründen.

Anja Jonuleit erzählt eine fesselnde Geschichte. Zwar beschreibt sie oft detailreich Orte oder Personen, doch dadurch zieht sie den Leser aber noch mehr hinein. Jede Person bekommt eine Persönlichkeit und besonders mit Maja konnte ich mich leicht anfreunden.

Fazit: Ein sehr gelungenes Buch über Gegenwart und Vergangenheit, über Freundschaft, Liebe, Angst, Trauer, Schmerz und Sehnsucht. Das Buch hat mich mitgerissen, ich wollte unbedingt erfahren, was es mit den ganzen Geheimnissen auf sich hatte und wurde nicht enttäuscht. Im Endeffekt hat es mir sogar noch besser gefallen, als ich anfangs gedacht hatte und auch wenn das Ende ein wenig offen war und ich immer noch ein oder zwei Fragen hatte, das Buch ist definitiv lesenswert.

Empfehlenswert:

Thomas Mann – Buddenbrooks

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Originaltitel: Buddenbrooks – Verfall einer Familie
Autor: Thomas Mann
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596294312
Seiten: 768
Datum: 1989
Extra: Filmtrailer

Inhalt: Buddenbrooks, eine aufsteigende Kaufmannsfamilie, erlebt die Wirren des 19. Jahrhunderts. Ein prächtiges Haus, ein Leben in der gehobenen Gesellschaft, wöchentliche Familientreffen. In diesem Umfeld wachsen die Sprößlinge der Familie auf und verfallen langsam an gescheiterten Ehen, Krankheiten und schlechten Geschäften.

Meine Meinung: Ich glaube, ein bisschen wird meine Meinung zu diesem Buch beeinflusst durch die Tatsache, dass ich dank Zentralabiturs zu dieser Lektüre gezwungen wurde. Wahrscheinlich habe ich dadurch meine Objektivität zu dem Roman gänzlich verloren, aber Rezensionen sollen schließlich subjektiv sein.

Wir beginnen in dem großen und prächtigen Haus der Familie, einem Symbol für ihren wirtschaftlichen Erfolg, und lernen eine Reihe von Personen kennen, deren Leben der Leser teilweise über ein halbes Jahrhundert verfolgt. Im Mittelpunkt stehen dabei Antonie „Tony“ und ihre Brüder Christian und Thomas, deren verschiedene Charaktereigenschaften für eine vielfältige Sicht auf die Geschäfte, die Gesellschaft und die politischen Situationen ermöglichen. Thomas wird zu einem ernsten Mann, der sich fast ausschließlich für die Familienfirma interessiert und engagiert und von ständigen Sorgen um Geld und Erfolg geplagt wird. Ihm gegenüber steht der sorglose und stehts zu Späßen aufgelegte Christian, der mit eigenen Leiden zu kämpfen hat, und Tony, das Prinzesschen der Familie. Keiner von ihnen kann mir als Leser dauerhaft ans Herz wachsen, selbst wenn der ein oder andere doch ein Lächeln hervorruft.

In fast 800 ist insgesamt genug Handlung, um bestimmt hundert Seiten zu füllen. Der restliche Teil stockt an nichtssagenden Diskussionen der Familienmitglieder, Ausflügen, Dramen und Feiern, die einzig den Zweck erfüllen, dem gesellschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, oder Stoff für neue Diskussionen und familieninterne Streitigkeiten liefern. Zahlreiche Personen, die teilweise nur von mäßiger Wichtigkeit sind, erschweren das Lesen, gleichzeitig fixiert sich die Handlung auf wenige Orte und irgendwann kann Mann auch nicht mehr mit detaillierten Umgebungsbeschreibungen punkten.

Einzig positiver Punkt sind die Stränge die man zur heutigen Zeit ziehen kann, falls man das Buch bis dato noch nicht aus der Hand gelegt hat. Zum Beispiel lässt sich die Konkurrenz mit der Familie Hagenström, ebenfalls als Kaufmannsfamilie im Aufstieg, und der „Verfall“ der Buddenbrooks mit den wirtschaftlichen Vorgängen der Moderne etwas abstrakt vergleichen. Außerdem hat Mann ein Thema aufgegriffen, dass heute mehr denn je im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Probleme steht und zwar das stressbedingte Burn Out-Syndrom, das der Autor authentisch und schockierend beschreibt.

Zum Film: Die neuere Verfilmung von 2008 habe ich mir im Zuge des Unterrichts ebenfalls zu Gemüte geführt und mich sehr gefreut, dass kein Versuch unternommen wurde, dem Umfang des Buches gerecht zu werden. Auch durch zahlreiche Kürzung ist er noch sehr lang und zeichnet mit relativ soliden Schauspielern genau die Eindrücke der Charaktere nach, die ich bereits bei der Vorlage hatte: unsympatische und realitätfremde Protagonisten. Dafür ist die Stimmung mit pasenden Schauplätzen und prächtigen Kostümen sehr authentisch und macht eine halbe Stunde alle anderen Längen wett, kann danach aber auch nichts mehr richten. Ein Highlight ist allerdings Justus von Dohnányi als Bendix Grünlich, über den ich mich köstlich amüsiert habe.

Fazit: Diesem Buch kann ich nichts abgewinnen und hat mein Bild von Klassikern als öde Schwarten alles andere als positiv verändert. Wer auf langartmige und handlungsarme Familienchroniken steht, der dürfte allerdings bestens bedient sein.

Sam Hayes – Der fremde Sohn

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Originaltitel: Someone else’s son
Autorin: Sam Hayes
Verlag: List Taschenbuch
ISBN: 978-3548610504
Seiten: 528
Extra: Leseprobe

Inhalt: Carrie lebt für ihre Karriere und für ihren Erfolg und vernachlässigt dafür ihren Sohn Max. Doch als er tot aufgefunden wird, bricht ihre Welt zusammen und sie muss erkennen, dass sie nicht weiß, wer ihr Sohn eigentlich war.

Meine Meinung: Nach „Das verbotene Zimmer“ hatte ich mich sehr auf dieses Buch von Sam Hayes gefreut und tatsächlich ähneln sie sich im Erzählstil. Gleich zu Beginn erlebt man aus der Sicht der jungen Dayna, Max‘ Freundin, den Tod des Jungen und landet direkt in der Lebensgeschichte eines jungen Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Schnitt. Es folgt eine Einführung in das Leben der Carrie Kent; berühmt, erfolgsbesessen, exzentrisch und Moderatorin von „Reality Check“. Schnitt. Der nächste ist der Professor einer Universität, der in einer bescheidenen Wohnung in einem der schlechtesten Viertel Londons haust und das komplette Gegenstück zu seiner Exfrau darstellt.

So geht es Schlag auf Schlag: Personen, Orte und Zeitpunkte wechseln fortwährend und man wird ständig aus der Handlung gerissen. Zum einen bietet diese Erzählweise die Möglichkeit eines sehr komplexen Buches, wenn selbst aus der Sicht eines Ermittlers berichtet wird und man von Beginn an erleben kann, wie sich eine Familie entfremdet. Immer wieder wird auch von Max berichtet, seiner vorherigen Schule, seinen Kindheitserinnerungen, sein Schweigen im Bezug auf seine Mutter, seine Beziehung zu Dayna. Leider wirken die Wechsel immer sehr plötzlich und man weiß nie so recht, was zuvor bereits geschehen ist und so wird die Komplexität eher zu einem Nachteil, besonders da die Ermittlungen nicht außerordentlich groß sind.
520 Seiten sind dafür definitiv zu viel und so zieht sich der Mittelteil, in der die Handlung nicht recht weiterlaufen will. Natürlich überrascht Hayes wieder mit ihrem Ende und es ist nicht alles so, wie es anfangs zu sein scheint, aber verständlich sind die Handlungen der Personen schließlich nicht.

Positiv möchte ich allerdings noch einige der Themenbereiche hervorheben, vor allem die Beleutung der gespaltenen britischen Gesellschaft. Carrie Kent verkörpert ie reichen Erfolgsbesessenen und Mächtigen, die an der Spitze des Systems thronen. Dayne dagegen ist der Fussabtreter, der in einer gewaltätigen Umgebung aufwächst und sich pratisch selbst durchkämpfen muss. Und Max stellt den Kritiker dar, der die Farce der Oberen nicht ertragen kann und sich lieber freiwillig in die harte Realität der Unterschicht begibt.
Der Umgang mit Trauer in diesem Fall ist auch sehr gut beschrieben und Hayes bietet ein breites Spektrum von Verdrängung bis zu eigenem Handeln besonders von Carrie. Schließlich ist ermitteln eine der Hauptaktivitäten, denen sie für „Reality Check“ nachgeht, denn sie macht die Schicksale der Menschen zum Teil ihrer TV-Show, in der sie neben Familienproblemen auch ungeklärten Todesfällen auf den Zahn fühlt mit einer Skruppellosigkeit, die von einer kaltherzigen Frau zeugen, deren Show in Deutschland wahrscheinlich im Nachmittagsprogramm von RTL landen würde, weshalb diese Karriereleiter in meinen Augen etwas unrealistisch ist.

Fazit: Leider hat mich dieses Buch schwer enttäuscht, denn es war für meinen Geschmack vom Inhalt zu ausführlich und abschweifend, auch wenn Hayes thematisch alles richtig gemacht hat.

Empfehlenswert:

Chris Fabry – Junikäfer flieg

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Originaltitel: June Bug
Autor: Chris Fabry
Verlag: Gerth Medien
ISBN: 978-3865916419
Seiten: 384
Datum: 2011
Extra: Leseprobe

Inhalt: Junis Zuhause ist das Wohnmobil, mit dem sie schon, seit sie denken kann, durch das Land reist. Und überall kann ihr Vater Geschichten erzählen über Kriege und besondere Menschen. Doch Junis Welt gerät ins Wanken, als sie ihr Bild in einem Supermarkt sieht. Wer ist diese Nathalie, die vor sieben Jahren verschwand? Welche Geschichte verheimlicht ihr ihr Vater?


Meine Meinung
: Juni ist neun Jahre, ein schlaues aufgewecktes Mädchen, das, seit es sich erinnern kann, mit ihrem Vater John in einem Wohnmobil lebt. Es ist nicht mehr das neuste Modell und John ist immer knapp bei Kasse, hält sich mit Reperaturarbeiten über Wasser, aber trotzdem sind die beiden glücklich. Für ihn bedeutet das fahrbare Heim nämlich die Freiheit, dorthin zu gehen, wo es ihn und seine „Junikäfer“ gerade hinzieht.
Zu Beginn stranden die beiden allerdings auf dem Parkplatz eines Supermarktes, der zu einem Wendepunkt ihres Leben führen wird. Denn dort entdeckt Juni die Vermisstenanzeige: Es ist das Bild der per Computer gealterten Nathalie Anne Edwards, die im Alter von zwei Jahren spurlos verschwand und Juni zum Verwechseln ähnlich sieht. Auf einmal hat sie tausend Fragen im Kopf nach ihrer Mutter und ihrer Heimat; sie beginnt, an ihrem rastlosen Lebensstil zu zweifeln und erweckt den Wunsch nach etwas Festem, Gewohnheiten, Freundschaften und einer Familie.


Aber man brauchte bloß eine alte Frau zu besuchen, und schon merkt man, dass da noch jeden Menge anderer Fragen im Raum herumschwirren wie Schmetterlinge. Die Antworten sind genauso schwer einzufangen. Es gibt kein Netz, das groß genug wäre für alle meine Fragen.
(S. 204)

Besonders die Erzählperspektive aus Sicht der jungen Ich-Erzählerin gibt Einblicke in ihr chaotisches Gefühlsleben. Auch wenn sie sich durch kindliche Naivität und die einfache Sprache schnell einem kleinen Mädchen zuordnen lässt, wirkt sie oftmals schon reifer als andere Gleichaltrige. Es ist in einer Weise süß und herzsergreifend, ein Kind auf einer Reise nach sich selbst zu begleiten, ihre Angst vor Brücken zu belächeln und ihre fast unendliche Liebe zu ihrem Vater, die einiges überstehen muss.


Es ist schwer, wenn man seinem Papa wehtut, aber manchmal muss man einfach raus mit der Wahrheit: „Andere Kinder träumen nicht davon, mit dem Fahrrad auf einem Parkplatz rumzufahren. Unser Leben ist, als ob man ständig Ferien hat. Weißt du, was ich meine? Du willst frei sein, aber ich weiß nicht, wovon wir eigentlich frei sind.“
(S. 104)

Allerdings werden auch andere Perspektiven von Personen aufgegriffen, um mehrere Seiten dieser Geschichte zu beleuchten. Zum einen ist da John, der seiner Junikäfer so viel Liebe zu geben versucht, wie das Mädchen es ihm gegenüber tut, aber auch mit den Geschehnissen der Vergangenheit zu kämpfen hat. Gleichzeitig spielt sich die Handlung in Dogwood ab, wo manche Menschen immer noch oder schon wieder von dem Verschwinden Nathalies herimgesucht werden. Die Vielzahl dieser Personen ist für mich hart an der Grenze, etwas zu viel sind die Stellen, an denen aus Junis Sicht berichtet wird, sie aber nicht selbst erzählt. Weiterer Kritikpunkt ist die Vergangenheit einiger Personen, deren ausführliche Erläuterungen mit nicht immer geläufig sind.

Dieses Buch vereint im übrigen neben der kindlichen Sichtweise auf das Leben und einem Raod Trip auch einen Kriminalfall und malt ein Bild der amerikanischen Gesellschaft. Ehrlich gesagt bin ich kein Bewunderer des dortigen Lebenstils, aber an manchen Stellen malt der Autor ein noch düstereres Bild, da in einer Kleinstadt anscheinend jeder mit dunklen Familiengeheimnissen à la Drogen und Alkoholexzesse zu kämpfen hat. Und dennoch wird gleichzeitig der christliche Glaube eingebracht, der nur hin und wieder angesprochen wird und für einige Personen eine wichtige Rolle spielt, aber im Gesamtwerk nur untergeordnet wird.
Zum Ende hin wird das Buch übrigens immer interessanter und Wendungen in Dogwood machen die Geschichte spannender, während Junis und John eher zum nachdenken anregen. Leider will ich mit der Zeit lieber diesen Spannungsteil verfolgen, während die Vater-Tochter-Beziehung mich nur noch mässig anspricht, aber mehr Gewicht in dem Buch bekommt. Einige Fragen bleiben zu dem am Schluss offen und vollkommen überzeugt bin ich nicht. Trotzdem kann man sich damit zufrieden geben.


Fazit:
Das Buch hat mich positiv überrascht, auch wenn das ganze Potential nicht ausgenutzt wird. Etwas mehr Spannung hätte man der Reise geben können, doch es bleibt trotzdem noch eine schöne Hommage an die Träume und Sehnsüchte eines Kindes.

Empfehlenswert:

Regine Stokke – Gegen die Angst: Face your Fear. Accept your War.

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Originaltitel: Regines bok
Autor: Regine Stokke
Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3789147456
Seiten: 365
Datum: 2012
Extra: Regines Blog

Inhalt: Im Alter von 17 Jahren erkrankt Regine an Leukämie. Das Mädchen nimmt den Kampf gegen die Krankheit auf und erstellt den Blog Face your Fear, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle verarbeitet. In den folgenden Monaten verfolgen tausende Blogger das Schicksal eines jungens Menschen, das viele zu Tränen rührt.

Meine Meinung: Bereits nach wenigen Seiten standen mir die Tränen in den Augen. Dieses Buch führt einem vor Augen, wie ungerecht das Leben sein kann und wie wenig Einfluss wir auf unser eigenes Schicksal haben.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, in dem Regines Wunsch angesprochen wird, ihren Blog nach ihrem Tod als Buch zu veröffentlichen. Ich habe erst überlegt, diese Information wegzulassen, aber man stößt unmittelbar zu Beginn darauf: Regine ist mit 18 Jahren schließlich an ihrer Krankheit gestorben. Ihren letzten Wunsch hat man ihr erfüllt und so verfolgt man den Kampf der jungen Norwegerin in ihren Blogeinträgen.
Sie schreibt viel über ihre Gefühle, über Hoffnungslosigkeit und Mut, erklärt aber auch immer wieder geduldig, welche Krankheit sie hat, welche Therapien gemacht werden und mit welchem Ziel. Sie ruft auf zu Blut- und Knochenmarkspenden und verlinkt Artikel, die in den Medien über das todkranke Mädchen auftauchen oder berichtet von Menschen, die Ähnliches durchmachen. Mit der Zeit werden auch immer mehr Kommentare von Bloglesern abgedruckt, die Regine meistens Glück wünschen und ihre Unterstützung bekunden. Vielleicht sind es sogar die vielen aufbauenden und tröstenden Worte, die ihre am Ende mehr Zeit verschaffen.

Regine ist nicht nur das kranke Mädchen, das man bedauern muss, sondern sie versucht, ihr Leben weiterzuleben neben dem Krankenhaus, auch wenn das nicht immer möglich ist. Grillen mit Freunden, Festivalbesuche und die Hoffnung, doch noch zur Schule gehen zu können, geben ihr über lange Zeit Kraft und etwas Normalität zurück. In ihr steckt aber auch noch ein Talent, denn neben ihrem Blog versucht sie, ihre Gefühle mit Kreativität zu verarbeiten. Bereits vor ihrer Krankheit fotographiert sie leidenschaftlich gern, sie beginnt zu malen und einige ihrer Fotos und Bilder sind auch in dem Buch abgedruckt. Ihre Einträge sind zudem sehr gut geschrieben und erzählen von Lebensweisheiten, die Regine versucht, ihren Lesern beizubringen:

„So eine Geschichte trägt auch dazu bei, das Gute im Menschen zum Vorschein zu bringen. Leute engagieren sich, helfen. Man muss nicht immer mit Geld helfen, es reicht schon, ein Mitmensch zu sein, der anderen beisteht. Es reicht, für andere da zu sein, zu zeigen, dass einem etwas an dem anderen liegt.“ (S. 135 )

Regine mag gestorben sein, aber im Bewusstsein der Menschen darf sie weiterleben, denn sie hat sich in die Herzen vieler geschrieben. Sie hat versucht, bis zuletzt stark zu bleiben, auch wenn bisher unveröffentlichte Tagebucheinträge zeigen, wie sehr sie unter der Angst vor dem Tod gelitten hat. Selbst in ihrem Blog springt sie immer wieder in die völlige Selbstaufgabe.

„Ich will nicht sterben, auch wenn ich merke, dass ich bald keine Kraft mehr habe. Ich habe es satt, zu kämpfen. […] Die Leute um mich herum weinen. […] Ich habe Angst um sie.“ (S.122)

Nicht nur ihre Blogleser beweisen, dass dieses Mädchen viele berührt, angesprochen und vielleicht sogar verändert hat. Auch ihre Familie meldet sich zu Wort, schreibt über diese wunderbare Enkelin, Tochter und Schwester, die das Leben vieler Menschen bereichert hat.

Fazit: Kein Buch hat mich bisher so sehr zu Tränen gerührt, gefesselt und nachdenklich gemacht. Und kein Buch hat mir bisher die Ungerechtigkeit dieser Welt so klar vor Augen geführt. Ich lege es jedem ans Herz, sich mit diesem Schicksal auseinanderzusetzen.

Empfehlenswert:

Laurence Gonzales – Lucy

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Originaltitel: Lucy
Autor:
Laurence Gonzales
Verlag:
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3423248907
Seiten: 432
Datum: Dezember 2011
Extra:
Leseprobe, Video-Trailer

Inhalt: Jenny ist Wissenschaftlerin im Kongo. Als dort der Bürgerkrieg ausbricht, muss sie aus dem Land fliehen und stößt bei ihrer Flucht auf Lucy, die Tochter eines anderen Wissenschaftler, der wie Jenny allein im Regenwald wohnt und eine spezielle Art von Menschenaffen untersucht. Allerdings wurde er bei den Aufständen getötet und deshalb nimmt Jenny die verstörrte Lucy bei sich auf. Doch irgendwas ist merkwürdig an dem Mädchen: Sie ist unglaublich stark, kann mit Tieren kommunizieren und ihr gesamtes Verhalten ist irgendwie seltsam. Dann stößt Jenny auf das Geheimnis von Lucy: Sie ist halb Mensch und halb Affe.

Meine Meinung: Jenny ist Wissenschaftlerin und lebt bereits einige Zeit alleine und abgeschieden von jeglicher Zivilisation im Kongo. Der bereits bedrohlich nahe Bürgerkrieg im Lande schreckt sie gleich zu Beginn des Buches auf und lässt sie einen Wissenschaftler aufsuchen, der wie sie die Menschenaffen Bonobos studiert. Der ist aber bereits tot, neben ihm erschossene Bonobos und ein Mädchen, Lucy.
Jenny hat ein gutes Herz und schleust das Mädchen illegal in die USA und lässt es bei ihr wohnen. Dass Lucy anders ist, merkt man an ihrem Verhalten: Sie klettert auf Bäume, läuft gerne nackt herum und ist mit der Natur sehr verbunden. Und da sie ihr gesamtes Leben im Dschungel verbracht hat, hat sie Probleme mit dem gesellschaftlichen Leben. Einen Fernseher sieht sie zum ersten Mal und sie hat Angst vor großen Menschenmengen.

Auf Grund der Tagebücher von Lucys Vater erfährt Jenny aber recht schnell, dass Lucys Verhalten auf ihren Genen beruht, denn sie ist nur ein halber Mensch. Ihre Mutter war ein Menschenaffe. Es folgt ein kurzer Ausflug der Wissenschaftlerin in die Ethik und dann wird von ihr beschlossen, alles geheim zu halten. Der Rest der ersten Hälfte des Buches besteht aus dem Einleben von Lucy, der neuen Mutter-Tochter-Beziehung der beiden Protagonistinnen und dem neuen Alltag, dem sich beiden hingeben. Interessant ist hier meiner Meinung nach nur, wie das  Mädchen in dem amerikanischen Alltag, besondes in der Schule, die natürlichen Gesetze und Verhaltensmuster wiedererkennt.

Der spannende Beginn wird durch einen zähen Mittelteil zerstört. Nachdem man sich dadurch gekämpft hat, lässt sich das Buch recht leicht lesen und es werden immer wieder Fragen aufgeworfen, ob Lucy als Tier oder als Mensch anzusehen ist. Ethik und wissenschaftliche Verantwortung spielen auch eine Rolle, aber auch inhaltlich gewinnt die Geschichte an Fahrt , die allerdings sich zu einem anderen Ende hätte steigern können.

Fazit: Ich war doch etwas enttäuscht, denn das Buch klang sehr vielversprechend. Es hatte durchaus einige sehr schöne Momente und wenn man sich durch diesen einen zähen Teil gekämpft hat, dann ist das Buch doch lesenswert.

David Foenkinos – Nathalie küsst

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Originaltitel: La Délicatesse
Autor:
David Foenkinos
Verlag:
C. H. Beck -> bestellen
ISBN: 978-3406621628
Seiten: 239
Datum: 2011
Extra:
Filmtrailer

Inhalt: Paris. Eine zufällige Begegnung wird zu einem ersten Rendezvous.
Die warmherzige Nathalie und der charmante Francois führen eine Beziehung, wie sie im Buche steht. Sie gehören zusammen, das steht außer Frage. Doch ein Moment zerstört alle Träume: Ein Unfall reißt Francois aus dem Leben und Nathalie fällt in eine unbändige Ohnmacht. Wie lebt man mit dem Verlust der Liebe? Kann man sie jemals wieder empfinden?

Meine Meinung: Nathalie ist ein Mensch, den man einfach gern haben muss: hilfsbereit, warmherzig. Ihr ganzes Leben lebt sie nach den Regeln und man wünscht ihr einfach einen Mann wie Francois, der genauso herzensgut ist. Ihr erstes Treffen mag weniger Zufall als Schicksal sein. Und dann bestellt Nathalie auch noch Aprikosensaft: Francois muss diese junge Frau einfach heiraten. Ihr Beziehung ist traumhaft, beide Seiten zeichnen dieselbe Zufriedenheit ab. Wie ungerecht empfindet es der Leser, als ihr Glück zerstört wird!
So stark der Autor das Bild einer perfekten Welt zu Anfang beschreibt, so brutal wird Nathalies gebrochenes Leben erzählt. Sie bekommt kaum mit, was passiert. Die Tage streichen vorbei, doch nicht mit der Glückseligkeit einer Verliebten, sondern mit der Sehnsucht einer Einsamen. Angst, Trauer, etwas anderes wird dem Leser nicht nahgebracht. Doch im Hintergrund steht auch immer der Anfang des Wiederaufrichtens, was man sich so sehr für die Protagonistin wünscht: Der Entdeckun einer neuen Liebe.

Besonders wird das Buch durch die Sichtwechsel gemacht. Nicht nur Nathalie steht im Mittelpunkt, Francois mag es ebenso sein oder Nathalies Chef. Die Geschichte wirkt immer größer, Handlungen ziehen weite Kreise. Doch auch eine Zutatenliste, Fussballergebnisse, die Entfernung zwischen Paris und Moskau und Lyriks entwickeln eine Beziehung zu dieser Geschichte, so zusammenhangslos und unwichtig es auch zu Beginn scheint.
Alles trägt dazu bei, sich auch emotional darauf einzulassen, in dem Geschehen zu verschwinden. Nathalie und Francois lassen den Leser lieben, Nathalies Tränen rechtfertigen eigenes Weinen und ihr Wiederaufstehen bringt Glück und Hoffnung auch außerhalb der Geschichte.

Auch wenn manchmal alles zu perfekt und idealisiert erscheint, was einen kleinen Kritikpunkt kostet, so sind es doch die genaue Zeichnung der Personen, die Komplexität und die Bildhaftigkeit der Geschichte, die das Buch einmalig und so wunderbar machen. Aber auch die Momente, die mal nichts mit der unmittelbaren Liebe zu tun haben, wirken doch auf eine mal komische, mal wütende Art.

Fazit: Nathalie küsst ist ein wundervolles Buch über die Liebe und ihren Schmerz, das einen berührt und nicht loslässt, sondern immer weiter mit sich zieht. Gefühle zu zeigen, ist erwünscht und nicht nur für zart besaitete Leser möglich.

Empfehlenswert:

Vielen Dank an Blogg dein Buch für dieses Rezensionsexemplar

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